Did you ever empathise with Britney?

Und auf einmal ist der da. Der Moment, in dem ich Britney Spears verstehe. Damals als Britney durch ‚burnte’ und die Welt und ich ihr dabei verständnislos, fast schon schadenfroh zusahen. Das Poster-Kind mit ihrer blonden Mähne, den optimal sitzenden B-Cup Brüsten und dem Zahnpasta- Grinsen, das uns von Wänden, Plakaten und Bildschirmen entgegen gereckt wurde. Unumgänglich und einschneidend für das weiche Teenager-Selbstbewusstsein.

Neun Jahre später sitze ich Hanna gegenüber, auf der sonnigen Terrasse der Kantine des Bergbaumuseums; vor ihr Pommes, die fettig in der Sonne glänzen.
„...und weißt du, Kiki, hätte der Frisör nicht schon zu gehabt, dann hätte ich mir eine Glatze schneiden lassen. Einfach so.“, sagt Hanna zu mir während sie nervös an ihrer offenen Wunde am Mittelfinger, rechte Hand, pröckelt. Hanna hat lange, dicke und dunkle braune Haare. Schon immer glänzten sie leicht rötlich in der Sonne. Ich habe das schon oft bemerkt, nur ihr gesagt, hab' ich es nie.

Hanna, die mich mit ihrer Zielstrebigkeit einschüchterte. Die mit ihrem Drang nach Perfektionismus einige, wie auch mich, in die introspektive Ecke drängte. Deren Augen anfingen flammend zu schlagen, wenn sie etwas besonders positiv oder negativ aufregte. Deren Wohlwollen man sich erarbeiten und belohnen wollte.

Jetzt sitzt sie vor mir und ich sehe die Wunde in ihr, an ihrem Körper, in ihrem Gesicht. Sie zeigt mir die Stelle, die sie an ihrem Kopf täglich aufkratzt.
Alles ist offen. Aus ihrem Mund wabern die Gedanken, jeglicher Filter ist verschwunden. Jedes vermeintliche Fehlverhalten, jedes kleine Sandkorn, welches das Getriebe in Unruhe bringt, wird in die offenen Wunden eingearbeitet.

„...so rückblickend gab es schon mal ein paar Momente, in denen es mir nicht gut ging. Als ich mein Physikum beendet hatte, zum Beispiel. Aber so wie jetzt... Ich will einfach nur, dass es wieder vorbei ist.“

Von heute auf morgen war alles anders. Sie sei aufgewacht und habe sich gefühlt, als hätte ihr jemand die Augen zugenäht. Einfach so, grundlos. Sie spüre zwar die Helligkeit draußen und sie höre die bekannten Stimmen um sich herum. Nur sei sie nicht dabei. Nicht wirklich zumindest, ein teilnahmsloser Teilnehmer. Die Dunkelheit in ihr hätte sich auf einmal ausweitet und hülle sie ein wie ein schlechter Traum, aus dem sie nicht aufwachte.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (Stand Frühjahr 2016) leidet jeder Zehnte, von jung, mittel bis alt, an einer Depression. Einer Krankheit, die sich an physiologischen Prozessen im Gehirn definieren lässt, deren Ursache und Symptome jedoch schwer zu bemessen sind. Auf der Parkbank heulen, die schlechten Gedanken, die am Morgen anfangen im Hirn zu pochen und einen bis zum nächsten Schlaf begleiten. Auf einmal nicht mehr alleine Bahn fahren können. Wieder Kind sein, alleine am Grunde des Brunnenbodens.

Es ist eine Krankheit, die heute kein Tabu mehr ist und die in unserem Gesellschaftsrahmen massentauglich angenommen wird, dessen Heilungsmethoden und Prozesse hingegen noch weit unterlaufen sind (siehe Zeit Magazin 2016, Nr. 25 „Was hilft mir aus der tiefen Traurigkeit?“).

Wie genau gehe ich gegen eine Depression vor? Brauche ich Tabletten? Braucht sie Tabletten? Ist sie überhaupt krank? Auf einmal ist man mittendrin, statt nur dabei. Fragen ohne Antworten.

Ich schaue in meinen Kaffee, in ihre getrübten Augen, während sie mir all das erzählt und sehe sie zum ersten Mal richtig. Ohne die Masken, die sie sich die Jahre über ihr Gesicht zog und die ihr sehr gut standen. Ich sehe sie, obwohl sie sich selber nicht sieht. Und ich liebe so, so wie ich sie vorher nie geliebt habe.


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