Did you ever enjoy the silence ?

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Es mag so vor gut 15 Jahren gewesen sein, als ich mit meinem jüngeren Bruder am Strand entlang lief und eine Erkenntnis fürs Leben fasste.


Wir kannten diesen Strand in und und auswendig und als ich mich, mit den Füßen im Wasser erst nach links zu meinem Bruder umdrehte und anschließend hinter mich schaute, stellte ich fest, dass wir seit dem letzten Ort - markiert durch viele Strandkörbe - die nun nur noch kleine, bunte Punkte im Sand waren, kein Wort mehr gewechselt hatten.

Ohne es zu merken. Schweigend und selig waren wir nebeneinander her gelaufen, ich im kalten Nass, er im weichen Sand.

Ich blinzelte in die Sonne, drehte mich zurück und lief weiter. Schaute auf meine Füße, die gefühlt von Sekunde zu Sekunde mehr Farbe bekamen und in meinem Kopf schloss sich eine Verbindung: Liebe ist, zusammen schweigen zu können.

Was für eine Erkenntnis ! Was für eine Leichtigkeit sich in mir breit machte.


Dass es sich um die Königsdisziplin der Liebe handelt, war mir damals noch nicht klar.


Jahre später riss' ich ein Bild aus einer Zeitschrift und klebte es fortan von Kalender in Kalender (mein Heiligtum): ein Paar auf einer Bank, er liest, sie ruht mit ihrem Kopf auf seinem Schoß. 

Zusammen und doch jeder für sich. Abgestimmt aber nicht angepasst.


Als mein Baby 2013 kam, schwor ich mir, ihm diese bedingungslose Liebe - jede Sekunde zu geben - ohne mich dabei um ihn zu drehen. Ihm beizubringen, dass es okay ist, wenn ich neben ihm lese und er spielt. Dass das manchmal ausreicht. Dass wir ein Team sind, auch wenn er die Woche bei seinen Großeltern verbringt. Und dass ich es nicht schlimm finde, wenn er dann keine Zeit hat mit mir zu telefonieren (hat er nämlich nicht). Dass ich aber trotzdem weiß, dass er mich liebt und ich ihn.


Bis heute, nach der einen oder anderen Beziehung und einen gerade frisch klopfenden Herzen merke ich, wie verdammt viel Urvertrauen dazu gehört. Wie viel Sicherheit dieser Freiheit zugrunde liegt und dass es alles andere als leicht ist.

Ich glaub' trotzdem dran.


Cover: NIDO, Juli 2017. 
Foto: Olga Kessler

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